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Tante Inge auf halber Treppe in der Casa Reha Neukölln

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Es ist vollbracht: 10 Monate nach der Gründung unserer Initiative haben wir unser erstes “richtiges” Projekt durchgeführt: Das Jung & Alt Cafe “Tante Inge auf halber Treppe”. Und das mit zwei tollen Partnern: Unseren Kolleginnen von “Auf halber Treppe” und der Senioreneinrichtung “Casa Reha” in Berlin-Neukölln. Die Hauptrollen haben aber ganz andere gespielt: 20 Menschen, die sich vorher noch nicht kannten….

von Kerstin Müller

Als wir am 14. November 2014 um 13 Uhr, bepackt mit selbstgebackenem Kuchen, Papier-Sprechblasen und dicken Stiften in der Casa Reha eintrudeln, riecht es in der Cafeteria noch nach Mittagessen und es herrscht im ganzen Haus eine “schläfrige” Mittagsruhe. Unser Vorhaben: Ab halb 3 haben wir zehn junge und zehn ältere Menschen zum Kuchen essen geladen. Was sich sehr elitär anhört, ist im Kern genau das Gegenteil: Wir möchten einsame Bewohner ohne Angehörige, oder die nur sehr selten Besuch bekommen, mit jungen Menschen aus der Nachbarschaft, die vielleicht keine Großeltern mehr haben, zusammenbringen und deutlich machen: Jung & Alt passen ganz oft noch wunderbar zusammen! Noch ist von unserem Vorhaben nichts zu sehen. Höchste Zeit, die Cafeteria mit unserer Idee zu füllen und alles einladend für unsere Gäste zu gestalten.

Wer wird kommen?

Tante Inge auf halber TreppeIm Vorfeld haben wir mit den engagierten Ergotherapeutinnen im Haus zusammengesessen und gemeinsam überlegt, welche ihrer Bewohner sich über Kontakt zu jüngeren Menschen freuen würden. Am Ende haben wir 10 ermittelt. Als nächstes kamen unsere Kooperationspartnerinnen von dem Nachbarschaftsprojekt “Auf halber Treppe” ins Spiel: Sie haben Plakate entworfen, die in der Nachbarschaft darauf aufmerksam machen, dass am 14.11. in ihrer Nachbarschaft Menschen sitzen, die spannende Geschichten zu erzählen haben und die nicht länger unsichtbar sein wollen. Zu guter letzt haben wir von Tante Inge dann noch unsere 1400 Facebook und 100 Twitter Fans auf unser Projekt aufmerksam gemacht und schwups hatten wir 10 junge Interessierte zusammen, die sich über Eventbrite zu unserer Veranstaltung angemeldet haben. Und für die wird nun alles hübsch gemacht…

Von Mensch zu Mensch

IMG_6920Der Geruch von Mittagessen weicht langsam dem frischen Duft von Kaffee. Und während unsere Partner von “Auf halber Treppe” die hauseigene Cafeteria in eine lange und einladende Essenstafel verwandeln, lerne ich eine Stunde vor Café-Beginn gemeinsam mit Ergotherapeutin Julia alle zehn Bewohner kennen, die sich für unser Projekt gemeldet haben. Ich kann nicht leugnen, dass mich das vor dem ersten Zimmer kurz Überwindung gekostet hat. Wann ist man als junger Mensch schon mal in einer Senioreneinrichtung? Zuletzt war das bei mir vor 10 Jahren bei meinen eigenen Großeltern. Nun stehen wir da vor dem ersten Zimmer, klopfen, werden hereingebeten und ich lerne gleich mal eine 91-Jährige Dame kennen, die in ihrem Sessel sitzt und uns mit einem herzlichen Lächeln begrüßt. Der Bann ist binnen 2 Minuten gebrochen. Wir reden drauf los, ich erzähle ihr, wer ich bin, was Tante Inge ist, welchen super Kuchen es gleich gibt und entlocke ihr schon ein paar Details aus ihrem Leben. “Oben klar, unten dicht – weiteres brauch ich nicht” – ein neuer Kontakt und gleich um eine Lebensweisheit reicher. Das wiederholen wir noch 9 Mal. Von Flur zu Flur. Von Zimmer zu Zimmer. Von Mensch zu Mensch.

Rollator neben Rucksack

IMG_578560 Minuten später und am Ende des Bewohner-Kennenlernens ist die Cafeteria fertig und die ersten jungen Gäste aus der Nachbarschaft, teilweise aber auch aus anderen Bezirken, trudeln ein. Und dann füllt sich der Raum ganz schnell. Frau Franke kommt mit dem Rollator, Frau Richter mit dem Rollstuhl, Herr Repa nimmt am Tafelende Platz, Lisa und ihre zwei Kinder mischen sich genau in die  Mitte und pünktlich um halb 3 steht der Rollator neben dem Rucksack und es sitzen 30-Jährige neben 90-Jährigen.

Gemeinsam mit Karo von “Auf halber Treppe” eröffnen wir den Nachmittag, begrüßen alle Gäste, erzählen, was wir eigentlich im Sinn haben und lockern die Atmosphäre auf, in dem wir ein paar Anekdoten über die 20 Gäste auspacken. Es wird geschmunzelt und gelacht und dann kommt Bewegung in die Sache. Die Jüngeren holen den Älteren Kaffee und Kuchen vom Buffet, setzen sich dichter ran, damit sie sich besser verstehen und beginnen Gespräche, die bei manchen besser, bei anderen stockender verlaufen. Zwischendrin sammeln wir auf den großen Sprechblasen noch Lebensweisheiten und am Ende ist es 16:30 Uhr und manche wollen sich kaum trennen.

3 neue Tandems – und um eine Erfahrung reicher

Zwischen 3 jungen und 3 älteren Menschen hat es “gefunkt” und sie tauschen sich am Ende des Cafés ihre Adressen und Telefonnummern aus. Als wir am Ende alle fragen, wie sie die letzten zwei Stunden fanden, applaudieren die Bewohner der Casa Reha spontan und auch die jüngeren strahlen teilweise bis zu den Ohren. Und so zeigt sich am Ende ein Bild, das uns noch lange im Herzen bewegt: 3 junge Menschen bringen “ihre” vielleicht neu gefundenen älteren Freunde im Rollstuhl zurück auf ihre Zimmer. Eine Szene, die uns berührt und uns deutlich macht: Es muss nicht immer kompliziert sein, unsere Gesellschaft, in der wir selbst als ältere Menschen bald leben werden, jetzt schon mitzugestalten. Es braucht im Wesentlichen nur eins: Eine Horde von Menschen, die an die Hand genommen werden und denen man beim Kennenlernen ein Klitzekleines bisschen hilft…

Wir bedanken uns hier ganz herzlich noch mal bei:

Das nächste Mal öffnet “Tante Inge auf halber Treppe” am 10. Januar 2015 im Seniorenzentrum in Berlin-Schöneberg!

Wer sowas auch bei sich nachmachen möchte, findet hier unser Konzept und alle Materialen zum Download.



2 comments

  1. Toll! :-)
    Ich bin von eurer Initiative “Tante Inge auf halber Treppe” und von eurem Engagement begeistert!

    Wie schön und auch ungewöhnlich, dass junge Menschen sich für ihnen fremde, ältere Menschen interessieren und ein wenig Freude in deren Leben bringen …

    Als “Frau Anfang 60″ stehe ich noch mitten im Leben und fühle ich mit – Gottseidank – noch fit, sehe aber naturgemäß das Alter vor mir.
    Da ist es eine Freude, euer Tun zu beobachten!
    Gut zu wissen, dass es Menschen wie euch gibt.

    Allen Teilnehmern wünsche ich noch viele lebhafte gemeinsame Stunden und alles Gute für das kommende Jahr!
    Gut zu wissen, dass es E

  2. Pingback: Tante Inge strickt – zum ersten Mal in Neukölln! | Tante Inge


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