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Tante Inge ist der Knaller! 24 Stunden live mit ihr!

1013974_268529563311831_231739977_n24 Stunden mit Tante Inge liegen hinter mir und es war absolut: Wow! Wir haben uns super verstanden, oft und viel gelacht, unglaublich viele Fotos geschaut und über Snowden diskutiert. Ich habe sie als Menschen kennengelernt und jede Menge über mich: Nähe und Vertrauen entstehen durch Zeit. Und Wünsche sind nicht allzu groß.

Tante Inge ist 89 Jahre alt, lebt noch alleine in ihrem Haus und hat noch ganz schön viel Lebenspower. Aber sie hat keine einzigen Angehörigen mehr und sämtliche Freunde schon überlebt. An Weihnachten habe ich sie kennengelernt und beschlossen: Ich “leihe” mir eine neue Tante Inge und verbringe Zeit mit ihr.

12 Uhr – Nach meiner Ankunft bei Ihr rufen wir ein Taxi und gehen in ihrem Lieblingsrestaurant essen. Sie will mich partout nicht bezahlen lassen und ich merke, dass ihr die Einladung eine Freude macht. Das ganze Restaurant ist an diesem Sonntag voller Familien. Tante Inge sitzt heute nicht, wie sonst, mit ihren 3 einzigen noch lebenden 80 bis 90-Jährigen Freundinnen Ursel 1, Ursel 2 und Elinor hier in diesem Restaurant. Heute sitzt sie mit einem jungen Menschen hier. Sie wirkt fast ein bisschen stolz. Wir sitzen uns nicht gegenüber, sondern nebeneinander. So kann sie mich mit ihrem Hörgerät besser hören.

13 Uhr – Zurück bei ihr in ihrem kleinen Haus sitzen wir in zwei Sesseln gegenüber. Sie möchte wissen, was ich beruflich mache, seit wann ich in Berlin lebe, was meine Hobbies sind. Ich erzähle ihr alles Mögliche und es ist, als wenn sie jedes Wort von mir aufsaugt. Sie läutet das Ende des Gesprächs mit diesen Worten ein: “Weisst du, dass ich seit 30 Jahren nicht mehr mit einem jüngeren Menschen gesprochen habe? Ich erzähl ja nur noch mit Ursel 1 und 2 und da sprechen wir über unseren Rollator, die Hüfte und die neue Ärztin hier im Ort. Das war richtig nett, ich bedanke mich recht herzlich. Hast du Lust, ein paar Fotos zu schauen?”

14 Uhr – Tante Inge sammelt Fotos. Ihr ganzes Leben ist in bunte Alben eingeklebt und das ist mit knapp 90 Jahren jede Menge an Material. Tante Inge war im 2. Weltkrieg mit dem Bruder meines Opas verheiratet. Er war ihre große Liebe. Sie waren 10 Wochen verheiratet, als er im Krieg abgestürzt ist. Da war sie gerade 20 und schwanger von ihm. Ihr Kind ist mit 2 Jahren an einer Hirnhautenzündung gestorben und ihr 2. Ehemann ist auch schon seit 17 Jahren tot. Zwischen all dem hat sie mehr als 15 Kreuzfahrten und zahlreiche andere Urlaube in ganz Europa und Russland gemacht. Wir schauen die Foto-Alben querbeet. Von der Kreuzfahrt rund um die Kanaren bis zum Fjorden-Trip durch Norwegen über die Fotos von dem Kriegs-Grab in Frankfurt und meiner Urgroßmutter in den 40er Jahren. Ich frage Tante Inge Löcher in den Bauch und muss nicht mal ein Blatt vor den Mund nehmen. Wir haben den gleiche Humor, das gleiche Temperament. Ich fühle mich ihr total nah – und habe nicht das Gefühl, mich verstellen zu müssen, “nur” weil sie 60 Jahre älter ist, als ich. Sie erzählt mir alles und über manche Fragen denkt sie lange nach. Als es 17 Uhr ist und es draußen dämmert, lässt sie mich wissen: “Mensch Kerstin, da kommen Erinnerungen bei mir hoch – ich wusste garnicht, dass ich das noch alles weiß. Schließlich habe ich da seit Jahren nicht mehr drüber nachgedacht. Ob ich meinen zweiten Mann nur geheiratet habe, um über meine große Liebe hinwegzukommen. Also du stellst Fragen. Nun werden wir erst mal Kaffee trinken und ein Stückchen Kuchen essen. Oder magst du lieber Tee?”

17 Uhr – beim Kaffee mache ich ein Foto und erkläre ihr mein iPhone. Wer denkt, dass 90 jährige Menschen lang-weilig, lang-sam oder belang-los sind, der irrt sich gewaltig. Als ich Tante Inge frage, ob ich mit meinem Handy ein Foto von uns am Essenstisch machen darf, will sie sofort wissen, warum man denn mit einem Telefon Fotos machen kann. Ich frage sie, ob sie es wirklich wissen will und erkläre ihr mein komplettes iPhone mit allen wichtigen Apps wie Kalender, Internet, FaceTime und Foto-Funktion. Wir beschließen, das grade geknipste Foro über eine Postkarten-App an meine Eltern zu schicken und Tante Inge nimmt sich gute 30 Minuten Zeit um Buchstabe für Buchstabe auf meinem Display selbst zu tippen. Sie ist total fasziniert und am Ende zieht sie das Fazit: “Glaub mir mal, wenn ich hier junge Leute um mich herum hätte, ich würde auch so gerne mal ins Internet und das mit diesen Handys kennenlernen.”

18 Uhr – Tante Inge legt die Füße hoch und ich schippe Schnee. Das wollte sie zwar nicht annehmen, aber ich habe sie dazu gezwungen. “Wenn du mich unbedingt zum Essen einladen wolltest, dann will ich jetzt unbedingt Schnee schippen”, lasse ich sie ironisch wissen. Wir mussten beide lachen und dann hat sie mir gezeigt, wo Besen und Schippe sind.

19 Uhr – Wünsche sind nicht planbar, sie ergeben sich manchmal auch einfach so. Während ich draußen war, scheint Tante Inge eine Art Bestandsaufnahme gemacht zu haben. Als ich zurückkomme, liegen auf ihrem Tisch jede Menge Rechnungen und Bedienungsanleitungen. Ein schnurloses Telefon, das nicht mehr funktioniert, ein Handy, das immer “keine SIM Karte” sagt und ein Kostenvoranschlag für eine Waschmaschine. Tante Inge schießt los und stellt alle Fragen und gemeinsam beschließen wir, am nächsten Morgen in einen Elektronik-Laden zu fahren und uns um alles noch zu kümmern, bevor ich weiter zu meinem Geschäftstermin muss. “Das ist ja toll, dass wir das machen. So schnell habe ich hier ja niemanden mehr, der mir damit helfen kann”. Dann öffnen wir eine Flasche Rotkäppchen. “Das war ja wirklich ein Verdienst der DDR”. Prost!

23 Uhr – nachdem wir einen Liebesfilm im ZDF und Günther Jauch zum Thema Snowden geguckt haben, diskutieren wir noch eine Weile übers Abhören, Datenschutz, USA, Russland, Justiz, Stasi und die DDR. Das ist spannend. Tante Inge weiß mehr, als ich im Leben gedacht hätte und stellt mir Fragen, die mich eiskalt erwischen. 90 Jahre Lebenserfahrung: Da kann ich definitiv nicht mithalten. “Nun gehen wir aber schlafen. Du hast ja morgen einen Geschäftstermin.” Das machen wir. Sie in dem einen Zimmer. Ich in dem anderen. Sie hat mir vorher gesagt, dass in dem Schrank in meinem Zimmer ihr Brautleid hängt. Das aus der Hochzeit mit meinem Großonkel – ihrer ersten großen Liebe. Ich bin neugierig, keine Frage. Aber ich öffne den Schrank nicht um hereinzulocken. Denn ich habe Tante Inge heute kennen- und schätzen gelernt und habe großen Respekt. Auch und vor allem vor ihrer Privatsphäre.

9 Uhr – nach dem Frühstück gehts zum einzigen Elektro-Laden im Ort. Tante Inge macht vorher ihre beiden Hörgeräte rein, damit sie den Verkäufer besser versteht, aber ich biete ihr an, das alles zu regeln. Ob ich darf das, frage ich sie. “Natürlich” lacht sie und drückt meine Hand. 1 x Telefonakku erneuern: 4 Euro. Einmal Prepaid-Karte fürs SOS-Senioren-Handy kaufen: 10 Euro. Einmal Waschmaschinen Empfehlung einholen: 15 Minuten Zeit. Zurück bei Ihr zu Hause, richte ihr Ihr das SOS Handy mit allen Notfallnummern ein, checke ob das Schnurlos-Telefon wieder geht und gucke übers iPhone, wie die Waschmaschine bei Stiftung Warentest abgeschlossen hat. Tante Inge hat 3 Sorgen weniger und freut sich riesig darüber. “Mensch, da weiß ich seit Monate nicht, was mit den ganzen Telefonen los ist, und du machst das in 10 Minuten. Verrückt, nicht wahr?”

Als ich um 11 Uhr gehe, möchte Tante Inge mir 50 Euro in die Hand drücken. Ich lehne ab und biete ihr an, sie lieber bald wieder zu besuchen und dann darf sie lieber davon wieder die Roulade mit den Klößen im Restaurant bezahlen. Tante Inge lacht, drückt mich feste und verabschiedet mich mit den Worten “Da würde ich mich sehr freuen, Kerstin. Ich denke, die Sympathie ist auf beiden Seiten gleich und das wäre sehr schön, wenn du wieder kommst”

Abends rufe ich Tante Inge noch mal an und sage ihr, dass ich gut angekommen bin. Sie sagt “Ich glaube, ich werde ganz viele Tage noch zu denken haben – so viele Erinnerungen und Gedanken sind durch unsere Gespräche wieder da. Aber das ist nicht schlimm. Das ist besser als die Sorgen um meine Zyste am Knie. Du meldest dich wieder, ja?”

Tante Inge wünscht sich den Kauf der neuen Waschmaschine mit mir und einen Ausflug mit ihre Freundinnen Ursel 1 und Ursel 2 und Elinor in eine Soletherme zu ihrem 90. Geburtstag. Das hat sie zumindest gesagt. Und ich habe diese Wünsche gehört. Mal sehen, was daraus wird.



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